Frederick Samuel Perls

geboren am *8. Juli 1893 in Berlin, verstorben am †14 Mai 1970 in Chicago

Früher Werdegang – Berlin, Frankfurt, Wien, Amsterdam

1913 – Abitur am Askanischen Gymnasium in Tempelhof-Schöneberg in Berlin

1913 – Universität

1914 – Inskription zum Studium der Medizin

1914 – 1918 Sanitäter „Feldarzt“ im WW-I

1921 – Promotion zum Dr. med. univ.

1925 – Beginn einer Psychoanalyse bei Karen Horney; aus persönlichen Gründen heraus

1926 – Arbeitet als Assistenzarzt bei Kurt Goldstein, Frankfurt – er arbeitet dort mit Hirnversehrten und kommt mit der Gestaltpsychologie in Kontakt, die großen Einfluss auf Perls ausübt und in die Gestalttherapie, die er mit anderen entwickeln wird, einfließt. Hier begegnet er Heinz Fuchs, den späteren S.H. Foulkes, der als Pionier der Gruppenanalyse unter diesem Namen nach England gehen wird.

1926 – Fortsetzung der Psychoanalyse in Frankfurt bei Clara Happel; Dauer ca. 1 Jahr. Sie rät ihm zu einem Jahr Supervision in Wien, was Perls im kommenden Jahr auch umsetzt.

1927 – Perls arbeitet in Wien als Assistenzarzt – für seine Facharztausbildung – unter Julius Wagner-Jauregg und Paul Schindler.
Kontrollanalyse bei Helene Deutsch, der Leiterin des WPV’s und Eduard Hirschmann, dem Direktor des psychoanalytischen Ambulatoriums. in den Aufzeichnungen der Mittwochsgesellschaft ist Perls, der Ausbildungskandidat des Berliner Instituts ist, als „Gast“ und Diskutant verzeichnet und besucht viele Seminare und Vorträge, u.a. von Anna Freud, Paul Federn in Anwesenheit der frühen wesentlichen Vertretern, u.a. Heinz Hartmann, Ferenczi, Jones etc. Die beginnende Ich-Psychologie nimmt Einfluss auf Perls. Hier greift er Federns Begriff der „Ich-Grenze“ auf, der für Perls lebenslang von Bedeutung bleiben soll (vgl. Bocian, 2017, S. 39)
Fritz Perls nimmt an zwei technischen Seminaren von Wilhelm Reich am Ambulatorium in Wien teil

1928 – Rückkehr nach Berlin. Eine neue bzw. weitere Lehranalyse bei Eugen Harnik, der eigentlich von den „aktiven Ungarn“ beeinflusst ist führt zu einer unliebsamen Auseinandersetzung und großen Enttäuschung mit der Psychoanalyse. Perls beendet die frustrierende Analyse (Harnik verhält sich für eine Psychoanalytiker, der in Kontakt mit der aktiven Psychoanalyse der Ungarn stand unverhältnismäßig abstinent (wie er meint; ich halte diese Verhalten nicht für Abstinenz!); er beendet die Analysestunde mit dem Scharren seines Fußes am Boden und reicht Perls auch nicht die Hand zum Gruße. Harnik wird später psychotisch und erholt sich nie mehr davon.

1930 –  beginnt eine zweijährige Lehranalyse bei Wilhelm Reich, der von Wien nach Berlin übersiedelt ist. Perls bleibt bei ihm bis zur Emigration 1933 nach Holland, auf Empfehlung von Karen Horney.  Seine Kontrollanalyse absolviert er bei Karen Horney und Otto Fenichel, die auch technische Seminare anbieten. Es bildet sich ein Kreis experimentierfreudiger Psychoanalytikerinnen aus, darunter Reich, Horney, Fromm, Fenichel und auch Perls, die auch Kontakt zu Groddek haben und ihn immer wieder in Baden-Baden besuchen. Dieser Kreis steht den rigiden Entwicklungen im Berliner Psychoanalytischen Institut gegenüber. Reich entwickelt seine Charakteranalyse, aber auch die genannten Analytikerinnen arbeiten vermehrt aktiv – ganz in der Tradition der „ungarischen“ Schule (Ferenczi, Balint, Rado, Alexander), die einige in Wien kennenlernen konnten. Davon waren auch etliche politisch sehr links ausgerichtet und versuchten eine Integration von psychodynamischem Verstehen mit einer kritischen Gesellschaftsanalyse (vgl. u.a. Massenpsychologie des Faschismus etc.), die aber durchaus in der Tradition Freuds (Massenpsychologie und Ich-Analyse, 1921) stehen. Überhaupt ist diese Zeit der psychoanalytischen Entwicklung eine Vielfältige mit Anfängen der Kinderanalyse und -beobachtung durch Anna Freud wie auch durch Melanie Klein, die mit (oder gegen) Anna Freud in Konkurrenz eine der beiden britischen Strömungen vertreten wir.

1930 – Hochzeit mit Lore Posner, Lore Perls, die sich später Laura Perls nennen wird

1931 – Tochter Renate wird geboren

1933 – Emigration im Frühjahr nach Amsterdam, gegen Ende des Jahres Flucht weiter nach Südafrika

Südafrika – Chronologie – Einflüsse

1933 – Perls wird auf Empfehlung von Ernest Jones Lehranalytiker (vgl. Bocian, 2017, S. 42) in Johannesburg, Südafrika, und ist an der Entwicklung des Lehrinstitutes aktiv beteiligt.

1935 – Sohn Steve wird geboren

1936 – Perls wird Mitglied der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (heute IPA), indem er Mitglied der Niederländischen Vereinigung wurde; in Deutschland war er nie Mitlgied der DPG. Über diese Mitgliedschaft wird er letzlich in Südafrika Lehranalytiker. Aus der IPA ist Perls nie ausgetreten und auch nie entlassen worden.

1936 – Vortrag am Psychoanalytischen Kongress in Marienbad bei Prag: „Zur Theorie der oralen Widerstände“ – Skepsis bis Ablehnung, da zu dieser Zeit ein Widerstand ausschließlich als anal angesehen wurde; dieser Artikel verweist auch auf die Problematik der Deutungsmacht des Analytikers und was vom Patienten zurückzuweisen sei etc, ein bedrohliches Thema. An dieser Stelle sei festgehalten, dass sich Karl Abraham schon früher mit dem oralen Widerstand auseinandergesetzt hat und von hier einige Anregungen kommen dürften.
In diese Zeit fällt auch der „berühmte“ Besuch bei Freud, der ihn aber nicht in die Wohnung lässt, obwohl Perls eine lange Reise auf sich genommen hat.
Die Rückkehr in Johannesburg bringt Probleme und den Entzug des Lehranalytikerstatus durch die IPA. Eine Absonderung bzw. Trennung von der organisieren Psychoanalyse beginnt sich zu konturieren.

Jan Smuts – ist ein Impulsgeber bei der Entwicklung der Gestalttherapie der beiden Perls’s. Smuts [sma:ts] war Premierminister von Südafrika und Philosoph, der ein holistisches Weltbild entwarf. Er nahm auch Anleihen, wie du dieser Zeit üblich (vgl. Meltzer, 2015), aus der Physik, die sich wie Parallelen zur Gestaltpsychologie lesen; dabei spricht er auch vom Feld und verweist auf die wechselseitige Bedingung und Bezogenheit aufeinander und kritisiert den aufkommenden Positivismus. Perls (beide?) war von Holism und Evolution (Smuts Jan, 1927) sehr angetan (vgl. Clarkson, 1998, S. 30 ff).

1941-1942 – „Das Ich, der Hunger und die Aggression“, das erste Buch, gemeinsam verfasst mit Laura Perls, ist ein Buch an das psychoanalytisch vorgebildete Publikum bzw. Kollegentum und eine Auseinandersetzung respektive Abgrenzung gegenüber der Psychoanalyse, besonders aber gegenüber Freud. Dass die Autorin nicht aufscheint ist interessant.
Das Buch wird also in Südafrika geschrieben. Die Auflage von 1947 auf englisch weist den Untertitel A Revision of Freud’s Theory And Method auf. Damit ist die Abgrenzung zur Psychoanalyse im Gegensatz zur ersten Ausgabe „scharz auf weiß“ ausgewiesen. Die Deutsche Ausgabe erscheint 1978.
Auch in Südafrika wird das politische Klima zusehends gefährlicher, was die Perls bewegt, nach New York zu gehen.
in diesem Jahr meldet sich Perls freiwillig für den Dienst in der südafrikanischen Armee, im Kampf der Alliierten gegen die Deutschen. Entsprechend seiner Ausbildung arbeitet er als Sanitätsoffizier und Psychiater nahe Pretoria.
Doch auch hier wird das politische Klima nach dem Krieg rauher, die Apartheit wird eingeführt und die Perls brechen nach New York auf, wo bekannt KollegInnen aus Deutschland schon etabliert sind.

USA

1946 – Perls wollte vorerst nicht in den USA bleiben, wurde von Erich Fromm aber ermutigt und blieb. Es erfolgt eine Annäherung an die „Neue Washingtoner Schule“, wozu Erich Fromm, Frieda Fromm-Reichmann (eine frühere Assistentin Kurt Goldsteins, Universität Königsberg!), Clara Thompson, Harry Stack Sullivan zählten. Diese Gruppe gründet 1943 das William Alanson White Institute in New York – ein Ausbildungsinstitut – an das die Perls Anschluss finden.

Zuvor waren die Genannten auch mit Karen Horney zusammen und bildeten den Kern der „Interpersonellen Schule“, die vielfältigen Einflüsse – in Anlehnung an die Physik wird auch hier der Feldbegriff intensiv genutzt – in eine Psychoanalyse integrierten. Perls meinte hier Menschen zu begegnen, die seinem Denken entsprachen. Harry Stack Sullivan hat ihn sehr beeinflusst, vor allem in Bezug auf die Prozesshaftigkeit der Existenz sowie des Selbst – im Gegensatz zu einer fixen Struktur. Der Zusammenhang von Umgebung bzw. Umwelt und Person mit Symptom ist ein zentraler Punkt in Sullivans Ausarbeitungen, die dann wohl in Perls Vordergrund – Hintergrund Modell (Figur-Grund in der Gestalttheorie) verarbeitet sein dürften (vgl. Clarkson, 1998, S. 33). Und neben Martin Bubers Dialogischer Beziehung sieht auch Sullivan diue Beziehung zwischen Therapeut in Patientin als dominanten Parameter.

1948 – Laura kommt mit Renate und Steven nach Ney York nach. Fritz hält einen Vortrag, der von Yontef et al. als einer seiner besten zu dieser Zeit bezeichnet wird: Theory and Technique of Personality Integration vor der Association for the Advancement of Psychotherapy. Veröffentlicht im American Journal of Psychotherapy.

1948 / 1949 – es beginnen Trainingsgruppen und Therapiegruppen. Spätere große Gestalttherapeuten stoßen zu den Perls und lernen: Elliot Shapiro, Isadore From, Ralph Hefferline, Paul Goodman. Hefferline wird als Professor für Psychologie (Columbia) nur für kurze Zeit bedeutsam, Paul Goodman formt die Trias um die Gründer der Gestalttherapie aus.

1951 – Veröffentlichung von Gestalttherapie, zusammen mit Paul Goodman (Teil 1 & 2).

1952 – Gründung des Gestalt-Institut in New York

1954 – Gründung des Gestalt-Instituts in Cleveland gegründet, die Perls unterstützen gemeinsam mit Isadore From und Paul Goodman die Gründung des Instituts. Einflussreichster „Trainer“ an diesem Institut blieb Isadore From.

1952 – 1956 Konflite mit Paul Goodman nehmen zu, Laura Perls ist aber immer wieder auf der Seite Pauls. 

Perls geht aufgrund inhaltlicher Auseinandersetzungen mit Goodman und Laura an die Westküste

1956 – 1959 Perls lebt in Florida mit Marty From zusammen, die wesentlich jünger war als er (Altesunterschied 32 Jahre) und die bei ihm in Therapie war. Da Perls mit den Konventionen zu brechen pflegte stand auch eine therapeutische Beziehung einer gemeinsamen sexuellen Affäre nichts im Wege … 

1963 – Fritz wirkt in Esalen, Kalifornien

 

Werke zeitlich gelistet:

1944 – Das Ich, der Hunger und die Aggression
1951 – Gestalttherapie (Perls, Hefferline und Goodman – Grundlagen & Praxis)
1969 – Gestalttherapie in Aktion (Transkripte von Workshops)
1969 – Autobiographie – In and Out the Garbarge Pail
1976 – Grundlagen der Gestalttherapie (posthum)
1980 – Gestalt, Wachstum, Integration (posthum)
2004 – Was ist Gestalttherapie? (Transkripte von Workshops)

 

Literatur:
Bocian Bernd, Staemmler Frank-M (2000): Gestalttherapie und Psychoanalyse. Vandenhoek & Ruprecht, Göttingen
Bocian Bernd, Staemmler Frank-M (2017): Kontakt als erste Wirklichkeit. EHP Verlag, Bergisch Gladbach
Clarkson Petrüska, Mackewn Jennifer (1995): Frederick S. Perls und die Gestalttherapie. EHP Verlag, Bergisch Gladbach
Mertens Wolfgang (2010): Karl Abrahams klinische Entdeckungen – 85 Jahre später. Vortrag im Salzburger Arbeitskreis für Psychoanalyse am 30. April 2010
http://www.gestalt.de
http://www.gestalt.org/contents.htm
https://www.psychoanalytikerinnen.de/usa_geschichte.html