Sequentielles Trauma

Sequenzielle Traumatisierung – eine Modifikation von D. Becker

Diesem Umstand widmet sich der Deutsche Psychologe und Psychoanalytiker David BECKER (2006, 2010) in seiner Auseinandersetzung und Erweiterung des KEILSON’schen Konzeptes. Wesentlich für BECKER ist neben eines Versuchs, Trauma vor politischem Hintergrund zu beleuchten, auch den Diskurs mit dem Konzept des PTSD, das er Mangelhaftigkeit attestiert (ebda).
Er modifiziert das Modell, um damit auf sozialpolitische Unmöglichkeiten im Umgang mit dem Phänomen Trauma – politisch als auch medizinisch – therapeutisch – hinzuweisen.
Er hat das Modell um einige Elemente erweitert, um damit die traumatisierenden Bereiche der Verfolgung, der Flucht und der Folterung ein Verständnis bereiten zu können.


BECKER (et al.) erarbeiten 6 Phasen:

1. Vor Beginn des traumatischen Prozesses
Hier geht es um das Erfassen von biographischen Gegebenheiten und der zu Beginn des Traumas bestehenden Strukturen der Betroffenen (eine gute Zeit, akzeptabler Wohlstand oder Krankheit, Armut etc.). Zu erfassen gilt es, was schon als Problemstellung vorhanden ist bzw. wann eine „gute“ Zeit zu Ende ging.

2. Beginn der Verfolgung
Zu diesem beginnt das Drama, ist in seiner Auswirkung noch nicht voll entbrannt; es gibt für den Einzelnen noch Chancen und Handlungsspielräume (Ausreisepläne, sich verstecken, Flucht etc.). Der Zeitrahmen dieser Phase ist unbestimmt – bis das Geschehen absolut spürbar in seiner Wirkung ist – es folgt:

3. Akute Verfolgung – der Terror
existentielle Bedrohungen und Erfahrungen kennzeichnen diesen Abschnitt: Verfolgung, Flucht, Verhaftung, Folter, Mord, etc. BECKER (2006, S: 191): „das was auch der PTSD als traumatisierend anerkennt“. Damit ist der Moment des traumatischen Zusammenbruchs dennoch nicht klar zu bestimmen – auch die 3. Phase bleibt eine Phase und kein punktuelles Eireignis.

4. Akute Verfolgung – Chronifizierung
diese Phase geht mit der vorherigen Hand in Hand und können einander abwechseln. BECKER (ebda): „In Kriegen und Diktaturen verbringt man sehr viel mehr Zeit damit, auf neue Katastrophen zu warten […] In diesen Wartephasen, die hier Chroni?zierung heißen, entfaltet der direkte Terror seine volle psychologische Wirksamkeit, weil man hier Zeit ?ndet, die eigene Beschädigung wahrzunehmen und außerdem, die chronifizierte Angst und die Furcht vor dem, was noch bevorsteht, stärker wird“.

5. Zeit des Übergangs
Das Ende des Konfliktes ist absehbar – politische Verhandlungen zur „Verbesserung“ (Frieden) werden gehalten. Die Dauer bis zum Ende ist ungewiss. Bricht das Grauen wieder aus etc.

6. Nach der Verfolgung
Die Rechtssicherheit ist wiederhergestellt – das Traumatische Geschehen nicht beendet, trotzdem die Bedrohung vorüber ist. BECKER (2006, 192) nennt diese Phase die komplexeste und die mit dem Potential für eine längerfristige pathologische Entwicklung – auf individueller wie auf sozialer Ebene. Jetzt steht die Nachversorgung im Vordergrund, die Aussöhnungsprozesse, die politische Aufarbeitung etc.

Diese Ebene kommt der KEILSONS’schen 3 Phase (Nachkriegsperiode) gleich
Die Autoren sehen das Modell als ein variables, das je nach Kontext erweitert oder modifiziert werden kann. BECKER ermutigt zu einer Selbstgestaltung und einem selbstbestimmten Umgang mit dem Phänomen des Traumas je nach Hintergrund, Kontext und der daran Beteiligten.
Schlagwörter sind: Interkulturelle Psychotherapie in Graz

Trauma und Definitionsversuche
Geschichte des Traumas-I
Geschichte des Traumas-II
Geschichte des Traumas-III
Entwicklung der PTSD
Psychoanalyse und Trauma I
Variablen des Traumas
Sequenzielle Traumatisierung – eine Modifikation von D. Becker