Brainspotting

Brainspotting™

Brainspotting ist ein relativ junger traumafolgentherapeutischer Ansatz. Er basiert auf der Annahme, dass zwischen dem inneren traumatisch noch wirksam gebliebenem (Rest)Geschehen und damit verbundenen physiologisch sichtbaren Reaktionen über das Gesichtsfeld an den traumatisch gebliebenen Wirksamkeiten eine Verarbeitung stattfinden kann. Durch die Aktivierung von Punkten im Gehirn (Brainspot) kann die Verarbeitung bzw. die Auflösung von Blockierungen gefördert werden. Solch ein Brainspot meint dabei eine besondere Augenposition beim Klienten/Patienten.
Brainspotting findet in der Traumafolgetherapie und anverwandten Bereichen Anwendung, wie der Arbeit mit dissoziativen Phänomenen bzw. als belastend erlebten Situationen (die nicht gleich als Trauma qualifiziert werden möchten).
Das Verfahren ist kein reflexives Sich-Auseinandersetzen mit dem Trauma; es wird vielmehr über den Körper gearbeitet.
Einige wenige Autoren (vgl. PEER 2011) beschreiben das Brainspotting als ein tiefenpsychologisches Verfahren, was mir in seiner Konzeption nicht nachvollziehbar scheint (im Gegenteil versucht das Verfahren Übertragung zu reduzieren, der in den tiefenpsychologischen Schulen eine zentrale Rolle zukommt); wohl in Bezug auf seine Geschichte, wenn der Begründer in einem tiefenpsychologischem Verfahren ausgebildet ist.

Geschichtlicher Ueberblick

Brainspotting (BSP) ist eine vom New Yorker Psychoanalytiker David GRAND (2003) entwickelte Traumafolgebehandlung, die sich als ein klientenzentriertes, neurobiologisch orientiertes und methodenintegratives Verfahren versteht.
Vor dem Hintergrund der Erklärungsmodelle einer neurobiologischen Verarbeitung eines Traumas versucht Brainspotting einen direkten Zugang zum impliziten Gedächtnis unter Umgehung des Bewusstseins zu erwirken.
Brainspotting (BSP) ist eine Weiterentwicklung des EMDR von F. SHAPIRO. GRAND lernte EMDR direkt (1993) bei ihr und setzte sich in Studien und auf Kongressen mit dem Verfahren vertieft auseinander. Er lernte bei Peter LEVINE das von diesem entwickelte (1997) traumatherapeutische Verfahren Somatic Experience (SE), das die Verarbeitung von traumabedingten Körperprozessen als zentralen Inhalt hat; ein vor allem körperorientierter Ansatz.
Den Begriff des Brainspotting (BSP) verwendet GRAND ab 2003, womit er vor allem die neuronale Verankerung der Aktivierung verdeutlichen möchte (vgl. SCHUBBE, 2012). Eine Weiterentwicklung findet statt –Lisa SCHWARZ, eine Psychologin aus Pittsburgh hat den ressourcenorientierten Ansatz im Brainspotting weiter vorangetrieben, der vor allem bei Dissoziations- und bei Bindungsstörungen Anwendung findet, das Ressource Body Gridwork, das Ressourcen – Körper – Netzwerk.

Theorie des Brainspottings

Wie im geschichtlichen Abriss angedeutet versteht sich das Verfahren als ein therapeutischer Zugriff auf die neuronalen Strukturen und deren blockierte Arbeit. Um hier nicht unnötigerweise redundant zu werden verweise ich auf die Theorie der Hirnphysiologie bzw. neuropsychologische Verarbeitung von Traumata an anderer Stelle.
In jedem Fall geht es um eine Aktivierung der blockierten Verarbeitung in den älteren Gehirnstrukturen wie des Corpus Amygdoideum (Amygdala), des Hippocampus und dem orbitofrontalen Cortex.
Über einen gefundenen Brainspot kann Wirkung auf tiefe Hirnstrukturen bis hin auf die reflexive Ebene erfolgen, was sich in autonomen Reaktionen (Muskelzucken, nicht kontrollierbare Grimassen) zeigen bzw. entladen kann (vgl. EMDR und andere Verfahren; Traumatherapien bezeichnen das als Abreaktion). „Ein BSP bietet assoziativen Zugang zu einem neuronalen Netzwerk, das emotionale Erfahrungen als Gedächtnisinhalte speichert (HOFFMANN-WIDHALM, 2013, S. 19).“ Er ist „ein physiologischer Einstiegspunkt in die tiefen assoziativen Strukturen des Gehirns und des Organismus (vgl. PEER, 2011).“
Ein aufgefundener BSP kann sowohl vom Therapeuten als auch vom Klienten/Patienten lokalisiert werden.
Der Verarbeitungsprozess, der in der gemeinsamen Arbeit aktiviert wird arbeitet auf der Ebene konditionierter Reflexe; diese konditionierten Verknüpfungen werden gelöst und sind damit nicht mehr in der Heftigkeit wirksam. Ein zentraler Faktor bei der Verarbeitung des Traumas ist die Fähigkeit des Organismus zur Selbstorganisation bzw. zur –heilung.

Therapeutische Beziehung und Grundhaltung

Neben den üblichen Grundhaltungen der Wertschätzung etc. verweist GRAND auf den Begriff den dual attunement und meint damit eine duale, eine doppelte Abstimmung auf körperlicher und emotionaler Ebene zwischen den beiden am Prozess beteiligten: KlientIn/PatientIn und TherapeutIn. Er entlehnt den Begriff aus der Säuglingsforschung Daniel STERNs und beschreibt damit die Abstimmung, das attunement, wenn es Kind und Mutter gelingt einen gemeinsamen Raum, einen gemeinsamen Rhythmus zu erleben, eine Phase des miteinander Korrespondierens auf emotionaler Ebene.
Das dual attunement meint eine „gut steuerbare Aktivierung nebst Abreaktionen der impliziten Gedächtnisinhalte mit einer korrektiven Bindungserfahrung (vgl. SCHUBBE, S. 12 ff); eine Art von Holding, wie es WINNICOTT beschreibt. Unglücklicherweise wird der WINNICOTT’sche Begriff bei einigen Autoren von modernen Traumafolgetherapien mit dem Containig eines BION gleichgesetzt, was aber von der Begrifflichkeit her etwas anderes meint.
Gestalttherapeuten würden wahrscheinlich vom gutem Kontaktvollzug zwischen TherapeutIn und KlientIn/PatientIn bzw. dem BUBER’schen Zugang zum Wir sprechen, Psychoanalytiker könnten auf den Begriff der Reverie von BION zurückgreifen.
Insofern sind diese Beschreibungen keine wirklich neuen Konzepte.
Nichts desto trotz gilt bei dieser intensiven Erfahrung – um im Chor mit den übrigen modernen Verfahren zu bleiben, dass der Akt des Unterstützens und das gemeinsame Erleben eines Arbeitsraumes den Klienten einen hohen Grad der Selbstwirksamkeit erfahren lassen.

Die Methode des Brainspottings

auch wenn das bild einen anderen hintergrund meint – ich finde es einfach passend 😉

Ein Brainspot wird im Gesichtsfeld des Patienten / Klienten lokalisiert, indem der Therapeut mit der Hand vor den Augen der traumatisierten Position eine horizontale Linie beschreibt; dabei lassen sich verschiedene Reaktionen beim Gegenüber feststellen: blinzeln, zucken, Muskelreaktionen, Veränderung der Atmung etc.; es folgt also keine kontinuierliche die Hand verfolgende Augenreaktion. In Anlehnung an das EMDR wird auch hier mit dem SUD (Subjective Unit of Disturbance) gearbeitet (siehe EMDR, S33)
Über die fokussierte Aktivierung der körperlichen Phänomene wird mit Hilfe der fokussierten Aufmerksamkeit wahrgenommen und laufend untersucht. Die aktive Mitarbeit des Klienten/Patienten ist hoch (ebda).
Besondere Bedeutung kommt auch in diesem Verfahren der Arbeit mit Ressourcen zu.
Im Laufe der Zeit hat auch Brainspotting Erweiterungen erfahren und die Zahl der Augenposition zur Traumaverarbeitung ist angewachsen: das äußere Fenster, das innere Fenster, das Arbeiten mit der z-Achse, Gaze – Spotting (der Blick in die Leere), Brainspotting mit einem Auge und das rollende Brainspotting.

Das aeussere Fenster – Outside Window

Das äußere Fenster sucht und lokalisiert der Therapeut, in dem er vor den Augen des Klienten mehrere langsame Bewegungen von links nach rechts (horizontal) und von oben nach unten (vertikal) macht und auf die körperlichen Reaktionen achtet: psychophysische Reaktionen im Sinne von Minientladungen wie Augenzucken, vermehrtes Blinzeln, Schlucken bzw. andere Reaktionen des Körpers.

Das innere Fenster – Inside Window

Das innere Fenster definiert der Klient/Patient selbst, indem er den stärksten Grad an Aktivierung erleben kann. Auch dabei wird die dazugehörige Augenposition auf der x-y-z Achse gesucht und gehalten.
Dabei können eine Vielzahl unterschiedlicher Phänomene auftreten, so wie sie andere therapeutische Schulen beschreiben und damit arbeiten: körperliches Erleben, Gerüche, Erinnerungen, Bilder etc. Die Untersuchung dessen, was geschieht führt zu einer Abreaktion und Verarbeitung im Sinne einer Durcharbeitung.

Sqeezing the Lemon

Nach einer oder zwei Sitzungen können die traumatischen Phänomene als durchgearbeitet betrachtet werden und werden so auch immer wieder beschrieben; nichts desto trotz klagen Klienten nach einiger Zeit über wiederkehrende Zustände, die als nicht verarbeitete Reste des traumatischen Geschehens verstanden werden. GRAND forderte deshalb auf, auch bei einem Belastungsgrad von Null zu versuchen, diesen wieder zu erhöhen und eine innere Restspannung zu aktiveren – was meist gelingt. Mit diesem Rest wird dann so lange weitergearbeitet, bis die Zitrone ganz ausgequetscht ist – squeezing the lemon.

z-Achsen Brainspotting

Auch dieses Verfahren dient der Vertiefung und Verbesserung eines Belastungsgrades von (anscheinend) Null. Viele Menschen erleben plötzlich beängstigende Gefühle, wenn es im Raum näher ist, weil das Objekt auf der Retina größer abgebildet wird und dergestalt als bedrohlich erlebt werden kann. In Verbindung mit einem fast vollständig verarbeitetem Trauma kann ein restlicher Aktivierungsbetrag noch weiter reduziert werden.
Der Therapeut arbeitet in dieser Phase nicht nur auf horizontaler und vertikaler Ebene mit dem Teleskopstab vor den Augen des Klienten/Patienten, sondern nähert diesen den Augen bzw. führt in weiter auf der z-Achse vom Gesichtsfeld weg.

Schlagwörter sind: Traumatherapieverfahren und Psychotherapie in Graz

Trauma und Definitionsversuche
Geschichte des Traumas-I
Geschichte des Traumas-II
Geschichte des Traumas-III
Entwicklung der PTSD
Psychoanalyse und Trauma I
Variablen des Traumas
Sequenzielle Traumatisierung – eine Modifikation von D. Becker
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